Manchmal entsteht ein Werk nicht aus einer Idee, sondern aus einer Erinnerung, die jahrelang leise im Hintergrund gewartet hat.
Die Geschichte hinter dieser Arbeit beginnt lange, bevor ich überhaupt mit Slit-Scan-Fotografie gearbeitet habe. 1994 war ich in Texas unterwegs. Es war spät in der Nacht, als wir in der Nähe der Abzweigung zum Big Bend National Park von der Straße abfuhren – müde und nur auf der Suche nach einem Bett. Es gab keine Hotel-Lobby im klassischen Sinn, nur ein kleines Empfangshäuschen, das eher an einen Imbiss mit Tür erinnerte.
Hinter dem Tresen saß ein älterer Mann, der Besitzer des Motels. Kaum hatte er bemerkt, dass wir aus Deutschland kamen, hellte sich sein Gesicht auf. Ohne irgendwohin zu verschwinden, griff er einfach unter den Tresen und legte drei dicke, leicht abgegriffene Fotoalben vor uns auf den Tisch – offensichtlich oft benutzt und immer griffbereit. Darin: Fotos von Wim Wenders, Nastassja Kinski, Harry Dean Stanton und der gesamten Filmcrew von „Paris, Texas“.
Eine Szene des Films, erklärte er mit sichtbarem Stolz, sei genau hier, in seinem Motel gedreht worden. Wir blätterten durch die Alben: Set-Fotos, Momentschnipsel vom Dreh, handschriftliche Notizen und Aufnahmen der Zimmer, in denen wir gleich schlafen würden. Als eine Art Belohnung für unser Interesse an seiner Geschichte gab er uns das Zimmer, in dem – wie er uns versicherte – eine der Szenen mit Kinski und Stanton gedreht worden war. Ob jedes Detail stimmte, war fast zweitrangig – die Atmosphäre des Ortes machte es vollkommen glaubwürdig.
Am nächsten Morgen, als ich aufwachte und die Vorhänge aufzog, war draußen buchstäblich nichts. Nur karges Land, ein Streifen Straße – und ein einzelner verdorrter Grasballen, ein Tumbleweed, das vom Wind über den ausgedörrten Boden getrieben wurde, wie in so vielen Hollywood-Filmen. Es fühlte sich an, als stünde man mitten in einem Bild, das direkt aus dem Film stammen könnte.
Viele Jahre später, als ich dieses Slit-Scan-Werk schuf, war diese Erinnerung sofort wieder da. Die gedehnten Farblinien, die tiefen Blautöne und die roten Spuren erinnerten mich zugleich an jene Nacht und an den Film. Die Arbeit ist keine Illustration von „Paris, Texas“ und will die Geschichte nicht nacherzählen. Aber für mich trägt sie das Gefühl dieser Reise in sich: Distanz und Nähe, Leere und Verbindung, die langen, manchmal verschlungenen Wege zwischen Orten und Menschen.
„Paris, Texas“ ist Teil meiner fortlaufenden Serie „Space over Time“, in der Bewegung, Licht und Dauer zu Bildern verdichtet werden, die nicht nur zeigen, wie etwas aussieht, sondern wie es sich über die Zeit anfühlt. In diesem Werk ist dieses Gefühl verknüpft mit einem Film, einem Motel inmitten der Nacht, einer still leuchtenden Tankstelle irgendwo in Westtexas – und einem Tumbleweed, das am nächsten Morgen an unserem Fenster vorbeigerollt ist.